Joebluesbuch

"Als der Blues die Ruhr erreichte"
Auszug aus dem autobiografischen Roman von Joachim "Joe" Harmut


Joe Blues & Charly Weiss 1992 im Atelier von Joe

Kapitel
"Träume der alten Männer"
90er Jahre irgendwo in Düsseldorf

Joe gleitet langsam zum Rand des Sessels und hält dabei den Hörer des Telefons mit der linken Hand fest. Er kann sich mit letzter Kraft wieder in die senkrechte Position bewegen, um nicht vor lachen vom Sitzmöbel zu rutschen. Charly, am anderen Ende der Leitung, hält währenddessen nicht inne seine Geschichte weiter zu spinnen. Joe unterbricht mit lautem Gelächter die Story und beide lachen erst einmal über ihre eigenen Witze. "Du musst dir das so vorstellen", meint Joe. "Wenn du dir das Haus in Schweden wirklich kaufst, dann besorge ich mir ein Ruderboot und besuche dich dort". Noch nach Luft japsend und weiter kichernd antwortet Charly: "Ich werde dann an der Küste mit einer Angel sitzen und hüte das Feuer". "Hör mal Charly, das wird wunderbar. Wir zwei gemütlich beim Angeln und dann hinterher  gegrillter Fisch und lecker Weinchen".   “Sind auch Mädels da?“, “Klar doch, blonde Schwedinnen“. “Dann ist ja gut“.
"Apropos Wein, hast'e noch einen für mich?"


Ully, Joe, Charly 2003
Charly kam 1 x pro Woche zum Essen
 

Die beiden alten Männer sind in ihren Seelen noch immer jung und sitzen gemeinsam im Atelier mit Joe's Frau Ully und essen Salat, Käse, lecker Brot und trinken Wein. "Weißt du noch?" so fangen oft die Storys an. "Als wir damals in den 70ern nix zu essen hatten und dann in Niederkassel den Rosenkohl von den Feldern geklaut haben?".  Charly wischt sich mit einer Hand die dünnen, schulterlangen Haare aus dem Gesicht, sieht Ully mit zusammengekniffenen Augen durch seine große, lila-bläuliche Sonnenbrille an und bekommt sofort einen verträumten Gesichtausdruck. "Dat war kalt damals" war seine Antwort.  "Ich hatte noch die Handschuhe an und bekam das Zeugs nicht los. Erst als ich mit bloßen Händen den gefrorenen Rosenkohl abreißen konnte, hatten wir genug zu futtern für die nächsten Tage".
"Die nächsten Tage?" lacht Ully: "Wir haben alles gekocht und wer da war, hat es gegessen. Es war in kürzester Zeit alles weggeputzt".
"Von der Salami habe ich aber nix abgekriegt" meint Joe. "Die hast du zwar geklaut und ich habe Schmiere gestanden, aber gegessen hast du sie alleine".  "Ja die Salami, die war damals auch noch viel billiger als heute", kommentiert Charly. "Ich weiß noch genau, als du zu mir gesagt hast, "Joe pass mal auf", dann hast du die Salami unter deinen weiten Mantel gesteckt und gerufen "jetzt rennen". Wir sind bis zur nächsten Ecke gerannt und dann normal weitergegangen, als ob nichts war".
Charly und Joe waren sich damals zufällig in der City über den Weg gelaufen und kannten sich aus der Düsseldorfer Musikszene. Joe wollte in sein Studio "Im Gurkenland am Schabernack" um Musikaufnahmen zu machen.
Anmerkung: 
Das Gurkenland ist der Insider-Name für den Stadtteil Düsseldorf-Eller, wegen der vielen Gärten.  Die Strasse heißt Am Schabernack.

Charly hatte seine Probe im Opernhaus geschmissen, war auf dem Weg zur Altstadt und begrüßte Joe mit den Worten: "Mein Manager in London hat ein Riesending mit mir vor. Ich muss nur noch die Arrangements für die Bläser ausarbeiten, dann gehe ich auf große Welt-Tournee".  "Wenn es soweit ist, sag mir Bescheid" antwortet Joe und verabschiedet sich.

*

"dadaBLUES JOE ist im Studio oder Atelier. Wenn ihr eine Nachricht hinterlasst, rufe ich zurück"  tönt es aus dem Anrufbeantworter.
Joe sitzt währenddessen auf dem Balkon in der Sonne, spielt auf seiner Stratocaster Gitarre und singt:

I'm sittin' on my Balcony,
lockin' at the Sun,
sittin' on my plastic Chair,
in my Rubber Underwear.

Ich sitz' auf mei'm Balkon,
mach  lucki-lucki in die Sonn',
sitz' auf meinem Plastikhocker,
in meiner Gummi Knickerbocker.

Die Gitarre wird über einen kleinen, batteriebetriebenen Verstärker gespielt und alles wird mit dem winzigen Minidisk-Recorder mittels kleinem Stereomikrofon aufgezeichnet. Nachdem die Aufnahme im Kasten ist, wird über ein Hallgerät ein Stereo-Mix gemacht und auf den CD-Brenner kopiert. Fertig. Die Nummer klingt gut. Total dadablues, total Lo-Fi, total crazy. Der Name der neuen CD wird sein: “total crazy”. Die fertigen Songs heißen: Das ist DadA, Love Song, Elvis im Radio, Downtown Blues, Ruhrschnellweg, drippin' Note, jazzy Loop, Hast du keine Mark mehr.
Charly hat sich für Joe's Song "Hast du keine Mark mehr" den Künstlernamen "Toni Hämmerle" zugelegt und spielt ein minimalistisches Schlagzeug, das Joe zu einer Loop reduziert und dem Song unterlegt hat.

           *

Joe zieht die ausgelatschten, schwarzweißen Schuhe an, setzt den weißen Strohhut auf und geht zur nahegelegenen Rheinwiese im Rheinpark.   Wiese, Bäume, Leute, Hunde, Rhein, Enten, Schiffe.
Am Horizont taucht Charly auf. Er schiebt sein Fahrrad und winkt. Langsam schlendert Charly auf Joe zu. "Lass uns unten  auf die Treppe setzen, direkt am Wasser". Die beiden Männer sitzen schweigsam nebeneinander und gelegentlich sagt einer "Ente". Es sieht lustig aus, wie die Enten sich den Rhein heruntertreiben lassen. Manchmal kommt eine angeflogen und landet auf dem Wasser.
Beine vor, Flügel in Landeposition und - W a s s e r s k i. Dann treibt auch diese dahin.
Lass uns zur Altstadt gehen, da nehmen wir ein Bierchen. Vom Rheinufer an der Rheinwiese im Rheinpark durch den Hofgarten zum alten Schlossturm in der Altstadt ist es nicht weit. Eine Viertelstunde. Zwei Alt. "Dat zischt".

Als 1996 Joe's alte Freundin und Rock-Gitarristin Renate "Shredmistress Rynata" aus Los Angeles zu Besuch kam, war Charly bei der anschliessenden Session auch dabei.


Charly, Rynata, Joe Blues 1996

Charly rief mich regelmässig an und erzählte mir einen Witz.
Einer seiner Berliner Lieblingswitze ging so:
Kommt ein Mann im Schlafanzug die Treppe runter,
geht über den Hinterhof zum Vorderhaus in die Bäckerei
und bestellt 4 Brötchen.
Da sagt der Bäcker: "Nehmen Sie doch eins mehr, dann haben sie 5".

Charly Weiss starb 70jährig am 31.12.2009 in Düsseldorf.
Die Trauerfeier fand Freitag den 8.1.2010 in der Kapelle des Nordfriedhof statt.
Es nahmen ca. 200 Freunde, Musiker und Künstler Abschied von Charly.
Während der Trauerfeier spielte Helge Schneider Orgel.
Als der Sarg, auf der Charly's Trommel lag, herausgetragen wurde, spielten
Frank Michaelis: Saxofon,  Peter Thoms: Drums,  Joe Blues: Harp.
Charly ist jetzt auf grosser Tournee!! 

(c) Joachim "Joe" Harmut, alle Rechte vorbehalten.  www.joeblues.de



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